Saxworkshop „Timing“ Oktober 2016 in Hamburg

Timing Timing Timing

Am Wochenende 08./09. Oktober 2016 hatte ich das Vergnügen, im Kulturzentrum Lola in Hamburg-Bergedorf einen Saxophonworkshop zum Thema „Timing“ zu leiten. Das freut mich besonders, da ich gerade erst nach Bergedorf gezogen bin und dieser Workshop – nach einem mit 16 TeilnehmerInnen voll besetzten ersten Mal – von nun an regelmäßig statt finden soll.
Offensichtlich ist das Thema „Timing“ für viele SaxophonistInnen nicht ausreichend beleuchtet und wird gerne als etwas kommuniziert, was man „hat“ oder eben „nicht hat“. In dem Workshop habe ich versucht, sehr grundsätzlich und differenziert einzelne Aspekte von Timing herauszuarbeiten und in einfachen Übungen erfahrbar zu machen. Anstatt des diffusen Anspruchs an sich selbst: „das muss man halt irgendwie fühlen“, der unabwendbar zu der Frustration führt, dass man es eben nicht einfach fühlt, gebe ich den Übenden einfache und verifizierbare Werkzeuge an die Hand, sich dem Themenbereich zu nähern. Und die gute Nachricht ist: Stabiles Timing und Groove sind erlernbar!

Nachfolgende Thesen und Übungen beziehen sich auf das, was im Allgemeinen als westliche U-Musik bezeichnet wird, also Rock, Pop, Jazz und ähnliches, vornehmlich im Viervierteltakt mit 8tel oder 16tel-Unterteilung.

Thesen und Übungen, die im Workshop erarbeitet wurden

  1. Zeitgefühl ist etwas Körperliches
  2. Timing ist in den Fingern
  3. Der 4tel-Puls trägt die Musik
  4. Ein stabiles inneres 8tel-Raster ist der Schlüssel zum Timing
  5. Groove entsteht durch leichte, regelmäßige Temposchwankungen innerhalb des Taktes

Teilnehmer Saxworkshop Timing

1. Zeitgefühl ist etwas Körperliches

Das klingt erst einmal wie eine Binsenweisheit, ist jedoch von immenser Wichtigkeit. Pendelbewegungen sind stabil. Daher empfehle ich, das eigene innere Timing durch „Stompen“ zu etablieren, das ist wie gehen im Takt auf der Stelle. Durch das leichte Hin- und Herwiegen des Körpers und den stetigen Wechsel zwischen schwer und leicht (als schwer empfinden wir die Downbeats, als leicht die Offbeats) kann ich aus mir selber heraus ein stabiles RhythmusGEFÜHL entwickeln, welches sich mit der Zeit so weit internalisiert, dass ich auf das Stompen selbst verzichten kann. Aus der Bewegung heraus kann ich üben, Rhythmen klatschen, Zählzeiten sprechen und Patterns im Kreis spielen, worauf ich weiter unten noch eingehen möchte.

Achte beim Üben mit Stompen darauf, dass alle von dir gespielten Downbeats fühlbar mit dem Aufsetzen des Fußes auf dem Boden zusammen fallen. Um dies zu verdeutlichen, kannst du einzelne Zählzeiten – besonders die 1 als wichtigste Zählzeit bietet sich hier an – bewusst kraftvoll „in den Boden treten“.

Das weit verbreitete Tippen mit der Fußspitze ist dagegen nur von einzelnen GEDANKLICHEN Impulsen gesteuert, hat keine eigene Stabilität, gibt keinerlei rhythmischen Halt, lenkt von äußerem Input ab – z.B. Metronom, Playalongs oder Mitmusikern – und ist demzufolge zu vermeiden.

2. Timing ist in den Fingern

Wenn sich meine Finger schwammig und weich bewegen, kann ich auch das beste Rhythmusgefühl nicht umsetzen. Die Finger sollten sich immer aus einem klaren, präzisen und schnellen Impuls heraus bewegen, egal ob in den Tonwechsel ein oder alle Finger involviert sind. Auch wenn man dies vielleicht als selbstverständlich erachtet, nach dem Motto „joa, Fingerbewegungen halt..“, empfehle ich, sich immer wieder hinzusetzen und die Bewegung der einzelnen Finger zu üben. Ungenaue Fingerbewegungen lassen sich auch durch die ausdruckstärkste Phrasierung und den vollsten Ton nicht ausgleichen.

Hier dazu eine kleine Übung, mit der ich jeden Finger einzeln und in den wichtigsten Zweierkombinationen mobilisieren kann. Achte darauf, dass die Übungen langsam, gleichmäßig und mit klaren Impulsen und schnellen Fingerbewegungen ausgeführt werden und krieche mit deiner ganzen Aufmerksamkeit in deine Finger. Spüre, wie die Fingerkuppe die Klappe berührt und wie viel Kraft nötig ist, um diese zu schließen, spüre die Mechanik, die dahinter steht, spüre, wie das Polster auf den Kamin schlägt und wie beim Öffnen die Klappe von der Mechanik aufgefangen wird. Erweitere deinen Fokus auch auf die Finger, die nicht involviert sind.

einfache Tonwechselübung Saxworkshop Timing

Wenn das schon gut funktioniert, kannst du die Tonwechsel auch in Form des Paradiddles üben. Schlagzeuger üben das die ganze Zeit.. (rechts links rechts rechts links rechts links links, immer im Kreis). Wenn ich einen Ton als „rechts“ und den anderen Ton als „links“ definiere, sieht die Übung so aus:

Paradiddl Tonwechselübung Saxworkshop Timing

Beachte, dass alle Tonwechsel gebunden werden, nur die Tonwiederholung wird mit einem lockeren „da“ angesoßen. Auch diese Übung sollte langsam und gleichmäßig durchgeführt werden. „Gleichmäßig“ ist hier das Zauberwort.

Du kannst auch versuchen, mit den Fingern „Schlagzeug zu spielen“, indem du ohne in das Instrument zu blasen deine Stücke und Übungen spielst und versuchst, die Klappengeräusche als Groove zu etablieren.

Generell gilt, dass wir all unsere Tonleiterübungen gebunden machen sollten, damit wir klare Fingerbewegungen lernen und ein klares Feedback darüber bekommen, ob die Finger das tun, was sie tun sollen. Um Phrasierungen zu üben, benutze ich andererseits sich wiederholende Patterns (Repeating Patterns, dazu weiter unten mehr), die meine Finger schon verinnerlicht haben, denn wenn ich versuche, mehrere Aspekte gleichzeitig zu lernen, verliere ich meinen Fokus und lerne am Ende auf keinem Gebiet wirklich etwas.

3. Der 4tel-Puls trägt die Musik

Pop, Rock, Swing und viele lateinamerikanische Rhythmen (Bossa Nova, Samba, Rumba, Chachacha..) leben von einem klaren 4tel-Puls. Dieser Puls ist die Grundlage des Rhythmus und des Grooves. Hierzu eine kleine Übung, die auf der weiter oben dargestellten einfachen Tonwechselübung aufbaut:

Tonwechselübung mit 4tel-Puls exemplarisch Saxworkshop Timing

Achte darauf, die Downbeats leicht zu akzentuieren und die Offbeats legato und etwas leiser zu spielen. Wenn die Offbeats dazu kommen, sollte sich der 4tel-Puls in den Downbeats nicht verändern.

Du kannst auch einfach mal versuchen, bei Stücken oder Übungen, an denen zu gerade arbeitest, alle Downbeats leicht zu betonen. Bei manchen Stücken funktioniert das klarer als bei anderen und ich würde bei einer Aufführung wohl eine abwechslungsreichere Phrasieren bevorzugen, aber um den Puls einmal zu fühlen, ist das eine hilfreiche Anregung. Generell kann ich Synkopen (vorgezogene Noten, in diesem Kontext 8tel Vorzieher) nur dann überzeugend und ohne rauszufliegen spielen, wenn ich den eigentlichen Schwerpunkt, der auf dem folgenden Downbeat liegt, fühlen kann.

4. Ein stabiles inneres 8tel-Raster ist der Schlüssel zum Timing

Wenn der kleinste Notenwert eine 8tel ist, gibt es ein einem 4/4 Takt nur acht mögliche Zählzeiten: 1, 1und, 2, 2und, 3, 3und, 4, 4und. Unabhängig davon, wie lang ich einen Ton aushalte, beginnt jeder Ton auf einer dieser Zählzeiten. Die Anzahl möglicher rhythmischer Kombinationen ist also begrenzt. Wenn man die gängigsten Rhythmen gelernt hat, kann einen kaum mehr etwas aus der Bahn werfen. Um dieses 8tel Raster zu etablieren und zu verinnerlichen, gibt es ein paar Übungen und Herangehensweisen.

a) Die Deadnoteübung. Hier spiele ich das durchgängige Raster, indem ich alle Zählzeiten tonlos mit „da“ anstoße. Rhythmen etabliere ich dadurch, dass ich einzelne Töne wirklich als Ton spiele und so heraus hebe. Diese Übung eignet sich einerseits, um einzelne rhythmische „Silben“ und deren Notenbild zu lernen und andererseits, um mir rhythmisch komplizierte Passagen zu erschließen.

8tel-Raster Deadnote Übungen Saxworkshop Timing
Als Anwendungsbeispiel die Instrumentalantwort auf den Strophengesang von „See You later Alligator“:

8tel-Raster Übung See You later Alligator Saxworkshop Timing

b) Alternativ kann ich beim Üben von Melodien auch jede Zählzeit als Ton spielen. Eine notierte 4tel-Note wird so zu zwei gespielten 8teln, eine notierte punktierte 4tel zu drei gespielten 8teln und so weiter:

8tel-Raster Übung See You later Alligator

c) Eine schöne Übung ist es auch, Melodien zu singen und dabei die Zählzeiten als Text zu benutzen:

8tel-Raster Übung Zählzeiten singen Saxworkshop Timing

Diese Übungen gehen sehr gut aus dem Stompen heraus, allerdings erst dann, wenn die Zunge bzw. der Sprechapparat die Aufgaben problemlos meistert. Versuche auch, im Kopf mitzuzählen, du solltest immer „1 – 2 – 3 – 4“ denken. Irgendwann passiert das automatisch und man entwickelt ein ganz klares Gefühl zu jeder einzelnen Zählzeit und dafür, wann 4 Schläge vorbei sind. Bis dahin heißt es zählen, zählen, zählen!

Unsere westliche Musik basiert so sehr auf der Zahl vier, dass ich inzwischen ohne mitzuzählen weiß, wann 4 Takte vorbei sind, wann 4 mal 4 Takte vorbei sind, wann 4 Chorusse vorbei sind und so weiter. Nur beim vom Blatt Spielen komplexer Passagen falle ich manchmal auf das gedankliche Zählen zurück und es hilft mir hier enorm dabei , nicht rauszufliegen.

5. Groove entsteht durch leichte, regelmäßige Temposchwankungen innerhalb des Taktes

Wenn ich ein stabiles 8tel-Raster entwickelt habe und damit spielen kann, kann ich anfangen, mich mit dem Thema „Groove“ zu beschäftigen. Ein Pattern fängt dann an zu grooven und zum Tanzen einzuladen, wenn das Raster eben nicht 100prozentig genau ist. Z.B. wird in der Klassik sehr gerne die 1 etwas länger gespielt. Beim Wiener Walzer ist die 2 sehr früh zu spielen, damit der Rhythmus den nötigen Schwung hat. In der Pop- und Rockmusik wird der Backbeat – also die 2 und die 4 – etwas später und schwerer genommen als die 1 und die 3. Auch die tänzerische 8tel-Auffassung beim Swing und Shuffle ist eine solche Verzerrung des Tempos innerhalb eines Taktes. Fast immer, wenn wir den Drang haben, uns zur Musik zu bewegen, liegt eine immer wiederkehrende Temposchwankung in jedem Takt zu Grunde.

Um mein Bewusstsein für das Mikrotiming zu schärfen, arbeite ich, wie eingangs schon erwähnt, mit Repeating Patterns. Das sind eher kurze Patterns (oft Bassfiguren) die ich für eine längere Weile im Kreis spiele. Der Lerneffekt setzt da ein, wo ich das Pattern so weit verinnerlicht habe, dass ich mich voll und ganz darauf konzentrieren kann, es durch Mikrotiming und Phrasierung auf den Punkt zu bringen. Hier zwei Beispiele.

Bei diesem Beispiel würde ich versuchen, die 2 und die 4 schwer und etwas laid back zu spielen, mich also quasi richtig in die Zählzeit reinzusetzen:

Repeating Pattern 1 Saxworkshop TimingBei diesem Beispiel, das ein wenig tangoartig-zackig daher kommt, würde ich mich schwer in die 1 setzen und die Offbeats im 2. Takt eher leicht und zur 1 hin treibend spielen.
Repeating Pattern 2 Saxworkshop Timing

Generelle Übungstipps

Jeder Mensch hat ganz individuelle Aufmerksamkeitsspannen und Lernkurven. Sich hier selbst zu erforschen kann sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, effektiv zu üben. Generell lernt man am schnellsten am Anfang der Lernkurve, also wenn man vor ein neues Problem gestellt wird und sich die Lösung erarbeitet. Wenn ich z.B. eine neue Passage lernen möchte, lerne ich in den ersten paar Wiederholungen am meisten. Danach flacht die Lernkurve stark ab und weitere Wiederholungen zeigen kaum noch einen Lerneffekt.

Demzufolge hat sich in meiner Übungsroutine eine Art Zirkeltraining etabliert: Ich suche mir 3 oder 4 Arbeitsfelder heraus, z.B. eine Tonleiterübung, ein Repeating Pattern, ein bestimmtes Setting zur Improvisation und eine Stück Literatur und beschäftige mich mit jedem dieser Arbeitsfelder 10-15 Minuten lang, bevor ich weiter gehe. Wenn ich einmal durch bin, fange ich wieder von vorn an. So bleibe ich immer in dem Bereich, in dem ich etwas Neues lerne und konzentriert bin. Ohne Konzentration ist jegliches Üben verschwendete Zeit.

Im Übungsmodus versuche ich auch immer, mich auf einen isolierten Aspekt zu fokussieren. Wenn ich z.B. Fingerübungen mache, versuche ich nicht gleichzeitig meine Phrasierung zu verbessern. Wenn ich Finger und Phrasierung zusammen bringen möchte, versuche ich nicht gleichzeitig ein neues Stück zu lernen, sondern tue dies mit Material, das ich schon gut spielen kann. Wenn ich mein inneres Timing stärken will oder ein Stück Musik lerne, lasse ich das Metronom aus. Erst wenn ich das Stück spielen kann, mache ich vielleicht das Metronom an, dann jedoch, um das Spielen zum Metronom zu üben und nicht mehr das Stück.

Wenn ich dann den Übungsmodus verlasse und spiele, sei es im Übungsraum oder auf einer Bühne, zoome ich aus einem klaren Fokus hinaus in die Totale und versuche einfach zu spielen, also eine allgemeinere Vorstellung von dem zu haben, was auf dem Programm steht und diese dann umzusetzen.

Hier sei noch erwähnt, dass man unweigerlich alles mitlernt, was sich während des Übens zeigt, z.B. Körpergefühl und -haltung, Gedanken zum eigenen Spiel und Wertungen darauf, Stress, Anspannung aber auch Freude und Erleichterung und so weiter. Übe ich das Material in einem Tempo, das mich eigentlich überfordert, bleibt dieser Gedanke als (unerwünschtes) Übungsresultat übrig: Ich kann das nicht spielen, ich bin damit überfordert. Es ist also besser in einem Tempo zu üben, das man meistern kann, auch wenn es einen vielleicht etwas anspornt. Dann lernt man nicht nur das Material, sondern auch das Erlebnis, dass man es spielen kann und geht mit einem positiven Gefühl aus der Übesession heraus.

Metronomarbeit

Interessanter Weise kommt das Thema Metronom hier als letztes auf den Tisch, obwohl es doch um Timing geht. Das liegt daran, dass es für die Arbeit mit einem EXTERNEN Zeitgeber wichtig ist, ein stabiles INTERNES Zeitgefühl zu haben. Die meisten Übungen zielten auf das innere Timing ab. Bei dem Spiel mit dem Metronom geht es nicht so sehr darum, auf das Metronom zu reagieren, also auf die Klicks zu warten und dann damit zu spielen, sondern darum, das eigene Timing mit einem äußeren Einfluss zu synchronisieren. Im Idealfall ist die innere Uhr schon so stabil, dass nur eine gelegentliche Bestätigung nötig ist, dass es noch synchron ist.

Ich arbeite meistens mit großen Abständen zwischen den Klicks. Das Metronom so einzustellen, dass ich es auf 2 und 4 interpretieren kann, ist immer passend. Ohne das Tempo verstellen zu müssen, kann ich die Klicks nun auch auf 2und und 4und interpretieren oder auf 1und und 3und. Das ist schon etwas herausfordernder. Die meisten Standalone-Geräte lassen sich nicht langsamer einstellen als 40bpm, was leider oft zu schnell ist, um z.B. nur einen Klick pro Takt zu hören. Viele Metronom-Apps haben da einen größeren Spielraum. Ich arbeite sehr gerne mit „Time Guru“, einer App für das IPad. Hier kann ich runter bis auf 5 bpm gehen. Es lassen sich darüber hinaus auch ungerade Klicks programmieren, z.B. 11/8 und ich kann die App dazu bringen, zufällig einzelne Klicks auszulassen. Das hat einen immensen Lerneffekt für das innere Timing.

Man kann das Metronom auch so einstellen, dass auf jedem dritten 4tel ein Klick ertönt, die Periodizität also über den 4/4 Takt hinaus geht. Hier sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt, was das Spiel mit den beiden Parametern Abstand zwischen den Klicks und Startzählzeit des Klicks angeht.

Sonstiges

Hier kann man sich die im Workshop entstandenen Flipcharts und Song-Arrangements herunterladen:

material-saxworkshop-timing

Danke an die Lola und Hartmut Falkenberg, der diesen Workshop möglich gemacht hat!

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